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Ende der Illusionen: Warum sich die Wirtschaft mehr für Europa engagieren muss

München (29.06.2016) Der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump war einer der ersten Gratulanten.Trump nannte den Brexit ein fantastisches Ergebnis. Fantastisch ist es vor allem für ihn selbst. Sollte er tatsächlich Präsident werden, hätte er es mit einem deutlich geschwächten Europa zu tun. Einem Europa, das es trotz aller Selbstlähmung geschafft hat, im ersten Quartal 2016 ein Zehntelprozentpunkt stärker zu wachsen als „God’s own country“. Jetzt wo, salopp gesprochen, der Karren im Dreck ist,wird man sich bewusst, womit David Cameron leichtfertig gezockt hat.

DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben hat dies im Interview mit der Neuen Württembergischen Zeitung deutlich gemacht. „Ein europäischer Binnenmarkt, offene Grenzen, gemeinsame Rechtssysteme, durchlässige Steuersysteme, keine Zölle. Wir haben paneuropäische Wertschöpfungsketten. Es ist überhaupt kein Problem, Kunden oder Lieferanten in allen Teilen Europas zu haben. Innerhalb Europas brauchen wir keine Handelsabkommen zwischen den einzelnen Ländern – es ist alles da, und zwar vom Feinsten“, sagte Wansleben.

Hoffen auf Europas Werte

Es ist absurd. Der Rest der Welt sieht diese Stärken klarer als die Europäer selbst.Die US-Nobelpreisträger Joseph Stieglitz und Paul Krugman raten den USA dazu, sich Europa zum Vorbild zu nehmen. Die Regierungen Afrikas haben nach den ersten Deals mit China und Russland begriffen, was sie an Europas Werten haben: das Bekenntnis zu Menschenrechten und Klimaschutz, der Zwang zu demokratischen Kompromissen, die Achtung kultureller Identität. EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström hat davor gewarnt, eine einmalige Chance zu verspielen: europäische Werte zu Leitprinzipien des Welthandels zu
machen. Zahlen ersetzen keine Leidenschaft Dafür sollte man Leidenschaft entwickeln können. In der Brexit-Debatte war kaum etwas davon zu spüren. Monatelang überließ auch die Wirtschaft den Brüssel-Kritikern kampflos das Feld. OECD und der britische Finanzminister George Osborne versuchten in letzter Minute, EU-Skeptiker mit Zahlen zu überzeugen. Der „Guardian“ wunderte sich, weshalb sich die britische Wirtschaft so wenig für die europäische Idee engagierte. Hierzulande ist es kaum besser. Spitzenvertreter der
deutschen Industrie drohten Cameron im April mit einem Stopp der Investitionen.
Natürlich hinter verschlossenen Türen. So erreicht man die Menschen nicht, damit
hat man gegen den Boulevard von „Sun“ und Co. keine Chance.

Cameron hat nicht alleine Schuld

Wahr ist leider auch: Viele von denen, die heute über Cameron stöhnen, haben selbst die EU-Skepsis befeuert. Schon viele Reden in Oberbayern enthielten die falsche Behauptung, die EU-Kommission wolle selbst die Krümmung der Gewürzgurken per Verordnung bestimmen. Die Leute haben an dieser Stelle gerne gelacht. Das Ganze war auch ein Stück Heuchelei: Regierungen wie Unternehmen bedienen sich gerne aus europäischen Sozial- und Strukturfonds, klagen aber öffentlich über die bürokratische Antragstellerei. Der Brexit ist auch die Quittung für diese Rosinenpickerei und den Versuch, Europa je nach Stimmungslage für innenpolitische Zwecke zu instrumentalisieren. Europa nimmt und kostet, zahlt aber mit Zinsen zurück Was fehlt, ist der Mut zur klaren Botschaft. Ja, es stimmt, Europa nimmt und
kostet, zahlt aber alles mit Zinsen zurück. Eine vor der jüngsten Europawahl veröffentlichte Studie von IHK und ifo-Institut hat das gerade für Bayern ganz eindeutig bestätigt. Was Hoffnung macht: Die britische Jugend und die schottischen Bürger bekennen sich zu Europa. Dieses Denken muss gefördert werden – beispielsweise mit noch mehr grenzüberschreitendem Jugendaustausch. Und die Wirtschaft muss auch in Sachen Europa die Dinge stärker selbst in die Hand nehmen. Ein europäischer Dialog der Unternehmen kann wichtige Antwortenn liefern auf die Frage, wie es jetzt weitergeht.

Chance auf ein europäisches Jahrhundert

Der Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Ammann hat anlässlich der Eröffnung des Gotthard-Tunnels betont, zu welchen Leistungen Europa fähig ist. Der Mann vertritt die feste Überzeugung, dass das 21. Jahrhundert ein europäisches werden kann. Diese Worte verdienten Unterstützung. Derzeit liegt Asien vorne.

(Quelle: IHK München)