Tansania: Die Bedingungen für Touristik und Wirtschaft sind gut

Landsberg am Lech (Oktober/November 2020) - Thomas J. Dittler ist Gründer und Geschäftsführer der Industrial Makers GmbH in Landsberg am Lech und stv. Vorsitzender des Industrie- und Innovationsausschusses sowie Mitglied im Außenwirtschaftsausschuss der IHK für München und Oberbayern. Mitte September ist er von einer sechswöchigen Reise aus Tansania zurückgekehrt, bei der er die Autorin und Filmemacherin Monika Czernin während ihrer Recherchereise für die Buchreihe „Gebrauchsanweisung Tansania“ begleitet hatte. Im Gespräch mit dem Außenwirtschaftsportal Bayern weltweit-erfolgreich berichtet Thomas Dittler über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage Tansanias und die dortigen Marktchancen.

Gleich zu Beginn das Thema Covid19: Sie sind gerade von einer sechswöchigen Reise nach Tansania zurückgekehrt. Wie waren Ihre Eindrücke dort vom Umgang der Menschen mit der Pandemie?

Das Leben läuft dort relativ normal ab. Wir sind als Individualreisende in Tansania mit offenen Armen empfangen worden und es gab keinerlei Reiseeinschränkungen. An vielen Orten wurde über Hygienestandards, Masken- und Abstandsgebote informiert. Bei der Einreise mussten wir einen negativen Testbescheid mitführen, den wir aber nicht am Flughafen, sondern beim Besuch in Schimpansen-Reservate Gombe Stream und Mahale vorzeigen mussten. Menschliche Krankheitserreger übertragen sich sehr schnell auf diese Tiere und sind deren Todesursache Nummer eins. Gleichwohl muss man sagen, dass es keinerlei offiziellen Statistiken über Infizierten- oder gar Todesfälle gibt. Interessanterweise findet gerade eine wissenschaftliche Diskussion statt, in der es um die These geht, dass Subsahara-Länder eventuell weniger von dem Covid 19-Virus betroffen sind. Trotzdem ist der Tourismus, ein wichtiger Wirtschaftssektor in Tansania, extrem eingebrochen wie weltweit fast überall. Was wiederum fatal für die Nationalparks und den Wildtierschutz ist, da die Ranger und Tracker von den Einkünften aus dem Tourismus finanziert werden. Ich kann empfehlen, keine Vorbehalte zu haben und die Tansanischen Tourismusziele, die Nationalparks, die Tauchreviere und historischen Städte zu bereisen und kennen zu lernen. Wir selbst sind nach den sechs Wochen und 5000 km Rundreise in Tansania bei der Ankunft am Flughafen München auf Corona getestet worden – mit negativem Ergebnis.

Tansania gilt immer noch als eines der ärmsten afrikanischen Länder: Was braucht das Land aus ökonomischer Sicht Ihrer Ansicht nach?

In ganz Tansania, einem Land mit 60 Millionen Einwohnern, davon die Hälfte unter 18 Jahre alt, gibt es gerade mal zwei Millionen Jobs, die meistens in den Regierungsbehörden oder staatlichen Unternehmen angesiedelt sind. Es gibt nur wenige Firmen in Industrie, Handel oder Logistik, für die die jungen Menschen arbeiten können. Die große Mehrzahl der Menschen landet nach dem Besuch der staatlichen Grundschulen in der agrarischen Subsistenzwirtschaft. Deshalb ist es aus meiner Sicht das Beste, wenn junge Tansanier versuchen, Firmengründer oder Selbständige in einem handwerklichen Beruf zu werden. Der Geschäftsführer einer Explorationsfirma für Öl und Gas im unterentwickelten Süden des Landes sagte zu mir, er selbst rate jungen Leuten immer, beruflich „etwas mit den Händen“ zu machen. Der großen Armut dieses Landes könne man nur entrinnen, wenn man sich selbständig machte und eine gute Ausbildung am besten im Handwerkbereich vorweisen könne. Die Rolle des Tourismus kann man gar nicht hoch genug schätzen. Wir haben keinen Tourismusunternehmer kennengelernt, der nicht über eine eigene Stiftung zur praktischen Ausbildung der Menschen in den jeweils angrenzenden Dörfern beiträgt. Wildtierschutz ist Habitat Schutz – nur wenn der Druck der Bevölkerung auf die Gamereserves und die Nationalparks nachlässt, dann sind diese zu erhalten. Und Tansania hat etwa 30% seiner Fläche dem Naturschutz gewidmet (zum Vergleich: in Bayern sind es 11%).

Der Agrar- und Landwirtschaftsbereich ist in Tansania ist der größte, die Wirtschaft des Landes tragende, Sektor. Um die Industrialisierung und auch den Infrastrukturausbau voran zu bringen, braucht es natürlich ausländische Investoren.

Welche Branchen sind in Tansania gefragt, in welchen Sektoren könnten sich deutsche Investoren und KMU dort geschäftlich engagieren?

Erneuerbare Energien, Photovoltaik und Elektromobilität, aber auch der Nahrungsmittelsektor bietet gute Aussichten. Tansanier sind offen für neue Technologien: so hat der Mobilfunk auch dörfliche Gemeinschaft durchdrungen und in den Städten ist man an E-Bikes interessiert. Die Bedingungen für die Produktion von Biolebensmitteln sind hervorragend dort und wir haben einige deutschstämmige Farmer und Betreiber von Safari-Lodges kennengelernt, die biologisch korrekten Anbau pflegen und traditionelle Superfoods, wie z.B. die Kwemme, entwickeln. In Tansania gibt es viele bei uns unbekannte Pflanzen und Früchte, die die Lebensmittelindustrie verarbeiten könnte. Wassertechnik, Luftfahrttechnik, Bahntechnik, Medizintechnik, Hoch- und Tiefbau, sowie Elektrotechnik sind weitere Branchen, die in Tansania ausbaufähig sind und regelrecht nach deutschem Knowhow rufen. Durch Covid 19 steckt das Land wie viele andere Länder in einer Rezession, wichtige Deviseneinnahmequellen etwa aus dem Tourismus sind weggebrochen. Eine ausreichende Transport und Logistik Infrastruktur ist notwendige Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung. Deutsche Unternehmen sind weltweit führend in den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau und sind deshalb prädestiniert für den Ausbau dieser Infrastruktur. Eine weitere aussichtsreiche Branche für Investoren ist die maritime Industrie, da zurzeit in Hauptstadt Daressalam ein neuer, hochmoderner Hafen entsteht. In dieser ehemaligen deutschen Kolonie sind deutsche Firmen immer noch hochangesehen, weil das deutsche Kolonialreich bis 1916 eben Infrastrukturen hinterließ, die auch heute noch genutzt werden. Man denke an Verwaltungsgebäude, Bahnlinien, Straßen, den berühmten Passagierdampfer Liemba am Tanganijkasee und vieles mehr.

Halten Sie die politischen Gegebenheiten, das dortige Rechtssystem sowie die Infrastruktur geeignet für Geschäftsabwicklungen?

Ende Oktober 2020 finden die Präsidentschaftswahlen statt und der bisherige Präsident John Magufuli hat gute Aussichten, wiedergewählt zu werden. Er ist insbesondere bei älteren Tansaniern und eingesessenen ausländischen Investoren nicht unumstritten. Aber er ging und geht gegen Korruption vor, sorgt für die Umsetzung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, will die Ausbildungschancen junger Leute vorantreiben und das deutsche duale Ausbildungssystem in seinem Land einführen. Das Thema Infrastruktur ist wie gesagt problematisch. Es gibt zwar gut funktionierende Daten- und Mobilfunknetze, aber alles andere ist höchst ausbau- und verbesserungswürdig. Die wenigsten Straßen im Westen und Süden des Landes sind asphaltiert. Für die knapp 90-Kilometer-Strecke von Lake Shore Lodge, Kipili nach Chala benötigten wir mit dem Auto fast einen ganzen Tag, Steckenbleiben im Flussbett inklusive. Entlang der Grenzregionen zu Ruanda, Kongo und Mozambique sollte man aus Sicherheitsgründen nach Einbruch der Dunkelheit nicht reisen. Der Bischoff von Kigoma wurde unlängst auf einer Grenzstraße überfallen und entkam nur durch beherzte Flucht. Unternehmergeist und professionelle Vorbereitung ist also gefragt.

 

Mit welchen Herausforderungen müssen Unternehmer in Tansania rechnen?

Man muss gut vorbereitet und sich bewusst sein, dass die Uhren dort anders ticken und viele Abläufe einfach mehr Zeit beanspruchen. In Tansania gibt es die gleichen Ämter und Stellen, die Genehmigungen, Zeugnisse und Zulassungen erteilen, wie in Deutschland auch. Am besten ist es, einen ortsansässigen Agenten zu beauftragen oder einen gut vernetzten Tansanier einzustellen, der sich mit den behördlichen Gepflogenheiten auskennt. Des Weiteren darf man die geringe Kaufkraft der Bevölkerung nicht außer Acht lassen: In Tansania verkaufen sich diejenigen Verbrauchsgüter gut, die  sich am Durchnittseinkommen von weniger als 10 USD pro Tag orientieren. Nachfrager für technische Infrastrukturen und Investitionsgüter ist also im Wesentlichen der tansanische Staat, die wenigen industriellen Firmen im Bereich Bergbau, Landwirtschaft, Fahrzeugtechnik oder die Kirchen und Hilfsorganisationen.

Alles in allem bewerte ich Tansania als exzellenten Fuß in der Tür für ein geschäftliches Engagement in Subsahara-Afrika. Ich war begeistert von meinen Kontakten mit gut ausgebildeten jungen Tansaniern. Freundlich, weltoffen und zukunftsorientiert empfand ich unsere Gesprächspartner – ebenso die jüngeren deutschstämmigen Unternehmer aus der Landwirtschaft, Immobilienentwicklung und dem Investitionsgüterbereich bzw. Produktionsverbindungshandel. Mit dem neuen Geschäftsführer der AHK in Daressalam, Conrad von Lilien, haben deutsche Unternehmer auch eine erstklassige Anlaufstelle für alle Fragen von Exportgeschäft bis Direktinvestition und Firmenansiedlung.