Türöffner nach Afrika: Das Bayerische Afrikabüro in Addis Abeba

Nürnberg (März 2021) - Im September 2019 berichtete das Außenwirtschaftsportal über die Eröffnung des Bayerischen Afrikabüros in Addis Abeba. Im vergangenen Jahr hat Sigurd Rothe die Leitung des Büros von Linda Schraml übernommen. Vor Aufnahme seiner Tätigkeit für den Freistaat war der gebürtige Allgäuer mehrere Jahre im Dienst des Auswärtigen Amts unterwegs und dort zuletzt an der Botschaft Nairobi für das politische und humanitäre Projektportfolio Deutschlands in Somalia zuständig. Er hat Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und dem Institut d’Etudes Politiques d‘Aix-en-Provence studiert und wurde 2016 vom renommierten St. Galler Symposium zu einer von 100 "Führungskräften von morgen" gekürt.

Karoline Rübsam vom Außenwirtschaftsportal Bayern weltweit-erfolgreich.bayern hat mit Sigurd Rothe über die Aufgaben des Büros und die bayerische Zusammenarbeit mit Afrika gesprochen.

Herr Rothe, bitte skizzieren Sie kurz die Aufgaben des Bayerischen Afrikabüros.

Das Büro wurde 2019 anlässlich der Afrikareise von Ministerpräsident Markus Söder als zentraler Anlaufpunkt und Drehscheibe für die Intensivierung der Beziehungen zwischen Afrika und Bayern eröffnet. Das vorrangige Ziel besteht darin, zukunftsgerichtete Partnerschaften zwischen bayerischen und afrikanischen Akteuren entlang der folgenden vier Schwerpunktthemen zu fördern:

  • Wirtschaft und berufliche Bildung
  • Schulische Bildung und Wissenschaft
  • Landwirtschaft und Umwelt
  • Öffentliche Verwaltung

Diese Bereiche spiegeln die Kernkompetenzen Bayerns als deutschem Bundesland wider. Das Büro ist dabei Informationsgeber, Ideenentwickler, Ermöglicher, Netzwerker und Türöffner für Partnerschaften in beide Richtungen und steht als kompetenter Ansprechpartner für Akteure beider Seiten zur Verfügung.

Wir greifen auch gezielt wichtige Themen der Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika auf und bringen diese nach Bayern. Wenn etwa eine so historische Entwicklung wie die Implementierung der panafrikanischen Freihandelszone (abgekürzt AfCFTA – mit 54 Mitgliedstaaten die umfassendste der Welt) zum 01.01.2021 offiziell startet, überlegen wir, wie wir das Thema aufbereiten und dessen Relevanz in Bayern vermitteln können. Also was verändert sich durch AfCFTA auf dem afrikanischen Kontinent und was bedeutet das etwa für bayerische Unternehmen daheim?

 

Warum der Standort Addis Abeba? Welche Länder stehen im Fokus des bayerischen Engagements in Afrika?

Addis Abeba ist Hauptsitz der Afrikanischen Union, sozusagen das „Brüssel“ Afrikas. Alle afrikanischen Staaten sind hier vertreten und so ist es der ideale Ort für eine bayerische Basis, von der aus der Freistaat seine Beziehungen zu seinen Partnern und vorrangig zu den vier Schwerpunktländern der Zusammenarbeit Äthiopien, Tunesien, Senegal und Südafrika intensivieren kann.

 

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie in Afrika aus und was bedeutet das für das bayerische Engagement vor Ort?

Corona scheint sich in Afrika bislang deutlich milder auf die Gesundheit der Menschen auszuwirken als dies etwa bei uns im Westen der Fall ist. Deutlich schwerer wiegen allerdings die sekundären Effekte der Pandemie, die vorwiegend sozioökonomischer Natur sind, also etwa der Wegfall von Einkommens- und Ausbildungsmöglichkeiten, die Unterbrechung der Schule oder aber der Rückfall bei der Bekämpfung anderer Krankheiten wie etwa Malaria oder HIV.

Umso wichtiger erscheinen in diesen Zeiten die zahlreichen guten Projekte zwischen bayerischen und afrikanischen Akteuren, die von der Staatsregierung unterstützt werden und die strukturelle Erholung und Entwicklung vor Ort begünstigen. So wird etwa im Township Delft in der Provinz Westkap in Südafrika gerade eine Berufsschule nach dem deutschen Prinzip der dualen Ausbildung aufgebaut, die erste ihrer Art in dieser Region und von den afrikanischen Partnern sehr nachgefragt. Dann gibt es etwa ein Kooperationsprojekt entlang der Wertschöpfungskette von Kaffee in Äthiopien, bei dem ein großer bayerischer Kaffeehändler zusammen mit der Hilfsorganisation Menschen für Menschen (MfM) die Grundlagen für die Kultivierung und Verarbeitung von Kaffeebohnen durch Kleinbauern schafft. Ziel ist es, die Einkommensquellen im ländlichen Raum auszubauen und einen möglichst großen Teil der Wertschöpfung lokal abzuwickeln. Und im Gesundheitswesen leistet der Freistaat über verschiedene Projekte Unterstützung zur Bekämpfung und Aufklärung der aktuellen Pandemielage sowie der strukturellen Stärkung des Sektors.

Auch im wirtschaftlichen Bereich ergeben sich trotz der erwarteten Wachstumseinbußen durch Corona weiterhin Chancen gute Geschäfte zu machen. So installiert etwa der Augsburger Druckmaschinen-Hersteller Manroland Goss mit einem äthiopischen Partner gerade erfolgreich eine Maschinenreihe, mit der in Äthiopien – mit rund 110 Millionen Einwohnern das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas – erstmals Schulbücher vor Ort gedruckt werden können. Bislang mussten solche Drucke im Nahen Osten oder in Asien abgewickelt und dann gegen Devisenzahlungen importiert werden. Das ist ein riesiger Fortschritt für das Land, der mithilfe bayerischer Technologie und Know-how ermöglicht wird.

Wir arbeiten auch auf kulturell-gesellschaftlicher Ebene daran, die Beziehungen zwischen Bayern, Deutschland und Europa auf der einen Seite sowie Afrika auf der anderen Seite zu stärken. Einem der Gründungsväter der europäischen Einigung, Jean Monnet, wird der Satz zugeschrieben, dass wenn man alles noch einmal machen müsste, man am besten mit der Kultur beginnen solle. Auch für die Beziehungen zwischen Europa und Afrika ist es wichtig, dass wir gesellschaftlichen und kulturellen Austausch fördern. Dafür haben wir verschiedene Ideen und Formate, die wir in der kommenden Zeit verstärkt umsetzen wollen.

 

Welche Herausforderungen und Probleme sehen Sie für bayerische Akteure in Afrika?

Wenn man von Problemen und Herausforderungen in Afrika spricht, sind aus meiner Sicht der Zeithorizont und eine langfristige Perspektive entscheidend. Man kann das vielleicht mit der Entwicklung an der Börse vergleichen. Wenn man nur den Tageskurs betrachtet, liegt der eventuell im Keller und weist einen großen Verlust auf. Aber bei Betrachtung über einen längeren Zeitraum erscheint dieser eine Tag, diese eine Woche oder dieser eine Monat möglicherweise nur als eine Delle in einer langfristig positiven Entwicklung. Vereinfacht gesagt gilt das auch für Afrika, denn der Kontinent hat trotz aller bestehenden Herausforderungen langfristig eine klar positive Entwicklungstendenz und bietet enorme wirtschaftliche Potenziale.

Natürlich gibt es Probleme wie Korruption, Armut und gewaltsame Auseinandersetzungen, die man unbedingt im Blick haben muss. Aber Afrika ist ja viel mehr als das, hat großartige und talentierte Menschen und eröffnet vielfältige Chancen zur Zusammenarbeit zu wichtigen Herausforderungen unserer Zeit. Gerade in der digitalen Welt sind viele Länder dort weiter als wir – wo sonst können Sie etwa den Einkauf auf dem Wochenmarkt, die Kollekte in der Kirche oder Ihre Stromrechnung in wenigen Sekunden problemlos via Handy bezahlen? In vielen Ländern West- und Ostafrikas ist das bereits seit vielen Jahren gelebte Realität.

Man sollte und kann Afrika nicht länger ignorieren oder nur auf die Tagesordnung bringen, wenn es gerade brennt. Das hat Bayern erkannt und etabliert langfristig angelegte Netzwerke und Partnerschaften vor Ort, durch die wir auch im Freistaat ein aktuelles, facettenreiches Bild des Kontinents gewinnen und unsere Zusammenarbeit intensivieren können.+++

Kontakt

Bayerisches Afrikabüro in Addis Abeba
c/o German House, P.O. Box 100009
Kazanchis, Kirkos Sub City, Woreda 08
Addis Abeba, Äthiopien
Telefon: +251 (0) 993 520 503
E-Mail: addisabeba(at)internationaloffice.bayern